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dottigross, 06.06.2007] Als wir Ostern 2007 in Wien waren, lasen wir in unserem Reiseführer den Hinweis, dass der Zentralfriedhof eine interessante und beliebte Sehenswürdigkeit sei. Ich fand es zwar etwas seltsam, einen Friedhof "zu besichtigen", aber da mir der Friedhof auch im Internet von verschiedenen Seiten empfohlen wurde, machten wir uns auf den Weg dort hin.
Anfahrt
Wir hatten uns - fragt mich nicht warum - für die vermutlich umständlichere Anfahrt entschieden. Wir nahmen die Tram-Bahn 71, um zum Haupttor (Nr. 2) zu gelangen. Im Nachhinein habe ich gelesen, dass man mit der U3 vermutlich gemütlicher und schneller vor Ort gewesen wäre. Sie fährt allerdings nicht direkt bis zum Friedhof. Die letzten zwei Kilometer, so heißt es, müsse man mit der 71 oder 6 bis zum Friedhof fahren.
Wer mit dem Pkw zum Zentralfriedhof fahren möchte, findet vor sowohl vor dem Tor 2 als auch auf der gegenüber liegenden Seite vor dem Tor 9 genügend Parkplätze. Ob diese etwas kosten, weiß ich nicht, da wir - wie gesagt - die öffentlichen Verkehrsmittel benützt haben.
Der Eintritt in den Friedhof ist kostenlos - die EinFAHRT nicht.
Öffnungszeiten:
3. November bis 28. Februar: 8 bis 17 Uhr
März: 7 bis 18 Uhr
April: 7 bis 19 Uhr
1. Mai bis 31. August: 7 bis 20 Uhr
September: 7 bis 19 Uhr
1. Oktober bis 2. November: 7 bis 18 Uhr
Fakten und Informationen
1874 wurde der Zentralfriedhof nach langer Planung und Berechnung und mit viel Weitblick auf die zu erwartende Bevölkerungsdichte im 20. Jahrhundert eröffnet. Die feierliche offizielle Eröffnung wurde jedoch von Protesten überschattet, die sich gegen den interkonfessionellen Charakter des Friedhofs richteten. So protestierten z.B. einige konservative Gruppierungen gegen die Beisetzung jüdischer Bürger auf dem Gelände.
Aber das war nicht der einzige Grund, warum der Friedhof von Anfang an nicht sehr beliebt war. So spielte in den ersten Jahren auch die karge Vegetation, die schlechte Verkehrsanbindung und die fehlenden Bauwerke (Friedhofskirche etc.) eine große Rolle. Um die "Attraktivität" ; des Friedhofs zu steigern, wurde ein Ehrengräberfeld angelegt, einige berühmte Persönlichkeiten (z.B. Ludwig van Beethoven) von anderen Friedhöfen hierher verlegt und im Jahr 1910 die Karl-Borromäus-Kirche
Der Zentralfriedhof ist fast 2,5 qkm groß und ist somit der zweitgrößte Europas. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass auf dem Gelände sogar ein Linienbus (19 Haltestellen) verkehrt und Pkws die Zufahrt gegen Gebühr (1,80 EUR pro Fahrzeug) gestattet ist.
Meine Meinung
Ich empfehle dringend, vorab einen Lageplan des Friedhofs zu besorgen. Diesen gibt es an den jeweiligen Friedhofseingängen, im Internet oder eventuell auch im Touristenbüro. Der Platz ist riesig und es wäre wirklich unsinnig, planlos über das Gelände zu laufen. Ich spreche aus Erfahrung, denn wir hatten nur eine grobe Skizze im Reiseführer zur Verfügung und glaubten, das würde völlig ausreichen. Dem war aber nicht so. Wir bereuten es, dass wir keinen Detailplan ausgedruckt hatten.
Eine lange Gerade führt vom Tor 2 zur Karl-Borromäus-Kirche, die besser bekannt ist unter dem Namen Dr. Karl-Lueger-Gedächtniski rche. Karl Lueger, dessen Grab sich unter dem Hauptaltar befindet, legte den Grundstein zur Kirche. Er war von 1897 bis 1910 Bürgermeister von Wien und bei der Bevölkerung recht beliebt. Kaiser Franz Josef hingegen lehnte Luegers Wahl zum Bürgermeister mehrmals ab, weil er eine Gleichbehandlung aller Bürger unter diesem Mann nicht gewährleistet sah. Sein wohl bekanntester "Fan" war Adolf Hitler, der ihn als "größten deutschen Bürgermeister" lobte und seine antisemitische Gesinnung
Also bleiben wir bei dem Namen "Karl-Borromäus-Kir che" und sehen uns das Gebäude näher an. Max Hegele zeichnet sich für diesen bedeutendsten Jugenstilbau-Kirchenbau verantwortlich, der von 1908 bis 1910 errichtet wurde. Von 1995 bis 2000 wurde sie von Grund auf saniert, so dass sie heute in neuem Glanz erstrahlt. Als ich davor stand, dachte ich nur "wow, ist das ein Prachtbau" und als ich durch das Portal lief und den Innenraum mit seiner wunderschönen Kuppel und dem blauen "Himmelszelt" sah, blieb mir vor Staunen der Mund offen stehen. Diese Kirche ist wirklich etwas Besonderes und ich kann keinen vergleichbaren Bau nennen - so etwas habe ich zum ersten Mal gesehen. Mein Blick wanderte immer wieder zur Kuppel hinauf und an den Kuppelwänden entlang, wo es nicht nur Balkone und Malereien zu sehen gibt, sondern auch - je nach Sonneneinstrahlung - wunderschöne Lichtstrahlen, die interessante Details
Ebenfalls etwas Besonderes ist die orientalisch anmutende "Feuerhalle Simmering", die von 1921 bis 1922 erbaut wurde. Der Baumeister dieses expressionistischen Gebäudes ist Clemens Holzmeister.
Überhaupt gibt es einige interessante Bauwerke auf dem Gelände, wie z.B, die Stupa im buddhistischen Teil des Friedhofes sowie einige Kirchen und Kapellen wie z.B. die russisch-orthodoxe, die griechisch-orthodoxe, die bulgarisch-orthodoxe und die Koptische Kirche.
Doch nun zu den- so makaber es klingt - "Hauptsehenswürdigk eiten", den Gräbern. Jeder Abschnitt des Friedhofs, sei es im katholischen oder im evangelischen, im jüdischen oder orthodoxen Bereich, hat seine Besonderheiten. So unterscheiden sich die Gräber in Größe und Stil, in Schmuck und Ausstattung. Im jüdischen Teil haben wir zum Beispiel viele schwarze Grabsteine gesehen oder - ein starker Kontrast - extrem verfallene, verwahrloste und eingesackte Steinstehlen. Im Bereich der so genannten "Ehrengräber" gibt es einen Abschnitt, in denen "Akademiker und Gelehrte" untergebracht sind. Hier sieht man sehr viele "exklusive" Grabmale und große Grabkammern, in denen ganze Generationen beigesetzt sind. Hier kann man die ganze Bandbreite der österreichischen Titelauswahl wie Kommerzienrat, Konsul, Professor etc. kennen Diese Abteilung fand ich zwar recht interessant, aber wir hielten uns nicht lange dort auf, weil es uns natürlich in die Abteilung der Musiker, Schauspieler etc. zog. So findet man hier z.B. Namen wie Hans Moser, Helmut Qualtinger, Johannes Brahms, W.A. Mozart, Ludwig van Beethoven, Johann Strauß Vater und Sohn usw. Doch sollte man sich nicht täuschen lassen. Manche "Grabmäler" sind nur Denkmäler. Eine solche Gedenkstätte ist z.B. die von W. A. Mozart, dessen Überreste auf dem Sankt Marxer Friedhof liegen.
Uns zog es irgendwann in den Bereich Nr. 39, wo das Grab von Falco zu finden ist. Ich hatte einige Fotos im Internet gesehen und war dann doch erstaunt, wie klein es in Wirklichkeit ist. Ich hatte es mir wesentlich imposanter vorgestellt. Trotzdem fand ich es sehr schön, weil Falcos Konterfei sich auf der Glasscheibe vom Himmel abhob und es irgendwie "dreidimensional&quo t;
Wer sich etwas entspannen möchte, sollte in den "Park der Ruhe und Kraft" gehen. Hier laden einige Stationen zum Verweilen ein. Einige Bänke, ein Brunnen und ein paar "Kunstobjekte" bieten die Möglichkeit, sich vom Anblick der vielen Grabsteine zu erholen. Auf der Homepage der Stadt Wien heißt es dazu, dass die Besucher hier in fünf verschiedenen Landschaftsbereichen zum "Schauen, Erleben und zur Bewusstwerdung ihrer Gefühle geführt" werden.
Entspannung - oder wohl eher Ablenkung - bieten die vielen Tiere, die auf dem Friedhof ihre Heimat gefunden haben. So gibt es hier viele Vögel und Eichhörnchen und - was uns besonders fasziniert hat - wilde Feldhamster. Diese kleinen Nager fressen ratz-fatz die komplette Blumendeko eines Grabfeldes ab. So schnell kann man gar nicht schauen und die Primel verschwindet in den Backen des kleinen Vielfraßes. Es soll übrigens auch Rehe, Dachse und Marder geben, was wir selbst aber nicht bestätigen können.
Dass man ohne detaillierten Lageplan nicht loslaufen sollte, habe ich bereits erwähnt. In diesem Plan sollte unbedingt auch der Verlauf der Buslinie mit eingezeichnet sein. Wenn man nach stundenlangem Spaziergang müde ist, kann man den Bus zurück zum Ausgangspunkt nehmen. Dieser fährt im Uhrzeigersinn alle 19 Haltestellen ab (komplette Fahrzeit ca. 30 Minuten). Wer ein gültiges Wien-Ticket (alle Zonen) besitzt, muss für diesen Bus nichts bezahlen. Doch sollte man hier damit rechnen, dass man keinen Sitzplatz bekommt, bzw. diesen an ältere Menschen abtreten muss. Da sehr viele alte Leute auf dem Friedhof die Gräberpflege betreiben, sind auch viele mit diesem Bus unterwegs. Es ist natürlich selbstverständlich, dass man ihnen die Sitzplätze überlässt!!
Toiletten gibt es in der Nähe des Eingangs Nr. 2 (Nähe Aufbahrungshalle). Sie waren jedoch nicht sehr sauber. Die Benützung war aber kostenlos.
Außerhalb des Geländes gibt es genügend Möglichkeiten einzukehren. Wir sahen einige kleine Restaurants in der Nähe. Auch kleinere Supermärkte waren vorhanden. Wer also nach dem anstrengenden Spaziergang etwas trinken oder essen möchte, findet hier genügend Gelegenheiten.
Fazit
Der Zentralfriedhof in Wien ist eine "besondere Sehenswürdigkeit" und man sollte ihn ohne Scheu, aber mit nötigem Respekt und Anstand, ruhig einmal besichtigen. Ich empfehle mindestens zwei bis drei Stunden dafür einzuplanen und vorher einen detaillierten Lageplan zu besorgen.