perfection!

Einfach fliegen! (15.03.2008)
SaschaT
SaschaT (35)
Stuttgart, Germany
Eigentlich wollte ich gar nicht. Den ganzen Tag schon hatten wir die Gleitschirme betrachtet, die bei schönem Wetter zum Himmel über Queenstown gehören wie Geier über der Wüste in einem Westernfilm, und dabei das eine oder andere halsbrecherische Manöver beobachtet. Aus einem sanften Gleitflug legten sich die Geier von Queenstown in schwindelerregende Kurven, sich immer weiter bis fast bis zu einem komletten Überschlag steigernd, um kurz darauf - so als wäre nichts gewesen - wieder unschuldig geradeaus zu segeln. Mein Urteil: Schön anzusehen, aber definitv nichts für mich. Physikalisch muss es doch völlig unmöglich sein, dass so ein "Nichts" aus Kunststoff tatsächlich fliegt. Damit war der Fall erstmal erledigt.

Dass wir doch in den Bann der schwebenden Halbmonde gerieten, lag daran, dass ein Besuch auf der Bergstation der Gondola wegen der atemberaubenden Aussicht zum Pflichtprogramm in Queenstown gehört und die Fahrt nach oben mit der Seilbahn ein vergleichweise nervenschonendes Vergnügen ist.

Dummerweise starten genau dort oben die Flieger von Tandem Paraglide. Und meine bessere Hälfte muss wohl gemerkt haben, dass ich ihnen nur teilweise mit mulmigen Gefühlen nachschaute und dass der andere Teil meiner Faszination aus einer großen Neugier darauf bestand, wie sich solch ein Flug wohl anfühlte. Nach einigem Hin und Her fand ich mich mit gezückter Kreditkarte am Kassenhäuschen wieder. Kleiner Tipp für Entschlossene: Wer den Para-Flug schon an der Talstation der Seilbahn bucht, spart Geld mit einem Kombiticket.

Ich musste kein 5 Minuten warten und Jeff erschien. Jeff war mein Pilot (nennt man das so?). Seine sonnengegerbte Haut wurde sicherlich nur um die Augen herum von einem weißen Streifen Haut unterbrochen, denn die dicht schließende Sonnenbrille nahm er - so malte ich mir aus - nicht mal im Bett ab. Der Gleitschirm in einem monströsen Rucksack auf seinem Rücken sah auf einmal gar nicht mehr nach "Nichts" aus. Auf meine Frage hin erhielt ich die Auskunft, das das Ding mit Geschirr an die 30 Kilo wog.

Als ich wenig später Jeff zusah, wie er mit ein paar scheinbar beiläufigen Handbewegungen den Schirm auf der Wiese ausbreitete, gewannen die mulmigen Gefühle deutlich oberhand angesichts des Gewirrs von bunten Schnüren, die von dem Anschnallgeschirr zum eigentlich Schirm führten. Meine Vision: Statt zu fliegen, wird sich das Monster ganz schrecklich verheddern, wenn wir uns in den Abgrund stürzen. Verheddern wird es sich, jawohl, und das ist dann das Ende. Ich hatte durchaus Mühe, mich dem Gedanken zu beruhigen, dass der Pilot mit draufginge, wenn es dazu käme und er schon aus rein egoistischem Interesse darauf achten werde, dass sich das Knäuel Nylonschnüre und die Plane, die mit ihrem Werbeaufdruck aussah wie eine übergroße Einkaufstüte, auf mirakulöse Weise zu jenem Gleitschirm entfaltet, der auf noch mirakulösere Weise allein aufgrund des Luftwiderstandes in der Lage ist, zwei erwachsene Menschen zu tragen. 30kg Plastik! Er und ich! Und nichts als Luft zwischen uns und der Tiefe jenseits des steilen Abhangs an dem wir standen! Worauf hatte ich mich da eingelassen?!

Doch es blieb nicht viel Zeit darüber nachzudenken. Jeff mit der Sonnenbrille erklärte schon was zu tun sei und wie ich mich beim Start verhalten sollte. Das forderte meine ganze Aufmerksamkeit. Mangels Sichtkontakt mit den Pupillen hinter den verspiegelten Gläsern hing ich sprichwörtlich an seinen Lippen und tief in mir ermahnte mich eine Stimme: Bloß alles mitkriegen! Jedes Detail einprägen! Schnell schon mal die Abläufe im Geiste durchgehen. Nur nichts falsch machen! Nicht verheddern! Da war sie wieder, die Vision: Plastik! Knäuel! Ende! Aus!

Ich will nicht sterben!

Es hörte sich ganz einfach an. Am Anfang hieß es, müsse ich lediglich neben dem Piloten herlaufen. Und sobald wir in der Luft seien, solle ich mich an zwei Schlaufen in meinen Sitz hieven, erklärte die Sonnenbrille. Nun denn... Noch schnell ein Foto mit der Kamera, die alle Tandem-Piloten an einer langen Stange im Flug mitführen, dann ging es los. Ein paar energische Laufschritte Richtung Abgrund, der Schirm blähte sich und schon nach wenigen Metern spürte ich wie eine Kraft uns nach oben zog. Wir flogen!

Und es war einfach wunderbar. Wir schwebten durch das grandiose Gebirgspanorama und meine Beine baumelten frei im Wind während meine Hände sich noch etwas skeptisch am Geschirr festklammerten, in dem ich zwischen Jeffs Beinen hing. Der Sitz erwies sich als sehr bequem. Für Entspannung war aber nicht viel Zeit. Jeff machte Fotos mit der Stangenkamera (falls sich jemand wunder, wie die Bilder zustande gekommen sind, die ich hier veröffentlich habe) und lies dann das ruhige Dahingleiten in ein paar actionreiche Kurven übergehen. Das Adrenalin schoss mir in den Kopf als die Fliehkraft mich ins Geschirr presste. Unglaublich was bei so einem Flug für Kräfte wirken. Es war wie Achterbahnfahren. Es fehlte nur ein vertrauenseinflößendes Stahlgerüst. Statt dessen hingen wir an einer überdimensionalen Einkaufstüte! Mitten in der Luft. Einfach so. Fliegen ohne Tragflächen und Motor! Dazu die atemberaubende Aussicht. Fantastisch.

So aufregend alles war, so kurz war es auch. Der ganze Flug dauerte wohl kaum länger als 3 oder 4 Minuten. Die Landung war ein wenig holprig, was daran lag, dass es meine weichen Knie nicht erlaubten, beim ersten Bodenkontakt anzufangen zu laufen, wie mich Jeff instruiert hatte. Ich knickte einfach ein und rollte wenig elegant über den Sportplatz auf dem wir landeten. Gottlob gab es keine Zuschauer. Noch am Landeplatz brannte Jeff die Fotos vom Flug mit einem tragbaren Gerät, das er aus seinem Rucksack hervorzauberte, auf CD. Dazu gab es einen Gutschein für einen Wiederholungsflug zum halben Preis. Doch ich hatte einstweilen genug und begab mich, noch etwas unsicher auf den Beinen, zurück ins Hotel wo der, der mir das eingebrockt hatte, schon auf mich wartete.

Fazit: Ein absolut unvergessliches Erlebnis. Vor und während des Flugs kann man auch Wünsche äußern ob man es eher ruhig oder etwas aufregender mag. Die Piloten stellen sich darauf ein. Der Preis eines solchen Tandemflugs ist mit 195NZ$ (ca. 100 Euro) für einen 3-4minütigen Flug ziemlich hoch, aber es lohnt sich wirklich. Wann kann man schonmal durch eine filmreife Kulisse schweben wie sie die Umgebung von Queenstown bietet?

Praktische Tipps:
- Festes Schuhwerk ist notwendig für Start und Landung.
- Flüge schon an der Talstation der Seilbahn buchen. Kombitickets sparen Geld.
- Es gilt eine Gewichtshöchstgrenze von 100kg, die aber eher flexibel ausgelegt wird. Etwas mehr ist kein Problem.
- Der zweite Flug kostet deutlich weniger. Vom Piloten erhält man nach der Landung einen Gutschein.
- Flüge finden nur bei gutem Wetter statt. Bei starken Wind und Regen wird nicht geflogen.
Accessibility
90 out of 100
"Must See"-Factor
100 out of 100
Budget Friendliness
60 out of 100

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Comments to this review

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    Spatz76HH, 29.05.2008 12:58 o'clock


    Toll! Da muss ich mir doch gleich noch die Bilder dazu ansehen :)
    Spatz76HH
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    Sophrolaeliocattleya, 25.03.2008 14:19 o'clock


    woooooooooooooooooooooooow coool
    Sophrolaeliocattleya
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    celles, 24.03.2008 12:12 o'clock


    super
    celles
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    reisefieber, 15.03.2008 23:39 o'clock


    Hört sich nach einem außergewöhnlichen Urlaubserlebnis an, aber ich glaube dafür ist mein Herz zu schwach...
    reisefieber
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    Saphena, 15.03.2008 21:11 o'clock


    Neid!
    Saphena