MALU
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Göppingen, Germany
91%
Wer in Berlin schon ´alles´ gesehen und Lust auf etwas ganz Besonderes hat, kann den größten Chinesischen Garten Europas besuchen. Begleiten Sie mich, ich bringe Sie hin!
Wir nehmen die S-Bahn Linie 7 nach Marzahn und am Bahnhof den Bus Nr. 195, er fährt uns direkt zum Eingang des Erholungsparks Marzahn. Dieser wurde 1987 anlässlich der 750-Jahrfeier von Berlin eingerichtet. Wir bezahlen 2 Euro Eintritt und betreten das riesige Gelände, indem sich ein Rhododendron Park, ein Märchengarten und eben auch der Chinesische Garten befinden, für den kein Extraeintritt mehr zu bezahlen ist.
Der Initiator dieses Projekts ist Manfred Durniok, seines Zeichens Filmproduzent und ein großer Freund Chinas und der Chinesen, Ehrenbürger der Stadt Peking, eine der Partnerstädte Berlins.
Durniok wollte den Chinesischen Garten zuerst im Tiergarten haben, nach dem Fall der Mauer entschied er jedoch sofort, dass der Garten im Ostteil der Stadt angelegt werden sollte. Gepriesen sei er für diese Entscheidung! Der Tiergarten ist bereits bekannt genug, viele Sehenswürdigkeiten liegen in der Nähe, während die zweite Wahl ein Gebiet ist, das vom touristischen Standpunkt aus tote Hose ist.
Der Garten liegt im Erholungspark neben einem etwa 100m hohen Hügel, der aus dem Bauschutt der Hochhaussiedlungen errichtet wurde und bedeckt insgesamt 2,7 ha, einen künstlichen See eingeschlossen. Was bedeuten diese Zahlen? Man braucht etwa 5 Minuten, wenn man durch den Garten joggt, eine Viertelstunde, wenn man durch ihn hindurchspaziert oder eine Stunde, wenn man wie ich einem Führer auf den verschlungenen Wegen folgt, das steinerne Schiff mit dem Namen ´Blick auf den Mond´ anguckt, in den ´Pavillon des ruhigen Mondscheins´ und die ´Stube des heiteren Wetters´ hineingeht, die Einrichtungsgegenstände betrachtet und den Ausführungen lauscht.
Der Garten wurde geplant vom Pekinger Institut für Klassische Landschaftsgärtnerei im Stile eines nordchinesischen Gelehrtengartens, 20 chinesische Landschaftsgärtner wurden für sechs Jahre nach Berlin entsandt, um das Projekt zu realisieren, die offizielle Eröffnung fand am 15. Oktober 2000 statt. Das für den Garten benötigte Material, Marmor, Kalkstein und bizarr geformte Felsenstücke sowie verschiedene Holzarten, wurden in 20 Container verpackt und nach Berlin verschifft. Die Bäume und Pflanzen kommen aus Deutschland, aber es sind nur solche, die auch in der chinesischen Flora vorkommen.
Als der Garten geplant wurde, vergaßen die Verantwortlichen nicht die Angewohnheiten der Guten und der Bösen Geister, alle Türen können nur über ein paar Stufen erreicht werden , und alle Durchgänge sind leicht erhöht, Böse Geister können so nicht eintreten (falls Sie das noch nicht wussten). Das Teehaus mit dem Namen ´Berghaus zum Osmanthussaft´ (in China gebaut, auseinandergenommen, in Container verpackt, nach Berlin gebracht und wieder aufgebaut) liegt am Fuß des Hügels, was gut ist, denn Drachen und Gute Geister leben auf Hügeln und Bergspitzen.
Ich habe ein Foto gemacht, das alle Betrachter verwirrt. Es zeigt eine Wand mit einer Öffnung, offensichtlich wurde es in einem Innenraum aufgenommen. Die Öffnung ist von einem Holzrahmen eingefasst, und was wir in diesem Rahmen sehen ist...ja, was eigentlich? Es ist ein Teil des Gartens mit einem geschwungenen Stück Dach einer Pagode, das so perfekt in den Rahmen passt, dass es wie ein Bild aussieht. Nichts in dem Garten ist Zufall, alles ist gründlich durchdacht, alle Winkel wurden genau berechnet, und das Ergebnis ist ein Gefühl vollendeter Harmonie! Ich habe keine Probleme damit, Landschaftsgärtnerei als eine Kunstform anzusehen.
Der Name ´Garten des wiedergewonnenen Mondes´ wurde von den Chinesen ausgewählt. Der Mond ist ein Symbol für Liebe, Harmonie, Freundschaft und Glück, ´wiedergewonnen´ als Anspielung auf die Vereinigung Deutschlands.
Ungefähr 10 000 Menschen chinesischer Herkunft leben in Berlin, aber es gibt hier keine ´Chinatown´. Nicht nur sie freuen sich über den Garten, bis 2001 (das Jahr, in dem ich den Garten besuchte) waren schon über 200 000 Besucher da, viele davon natürlich aus der unmittelbaren Umgebung, die viele Male schon zurückgekommen sind, der Garten ist ´angenommen´.
Nach der Führung trank ich ein Glas Tee auf der Terrasse des Teehauses, die den Garten, den See und die geschwungene Brücke überblickt; auf der Speisekarte gibt es Dutzende Tees im Angebot, Vorsicht, sie werden alle ohne Zucker gebracht! Das Teehaus wird von einer chinesischen Gartenarchitektin geleitet, die die Gäste auf Wunsch in die Kunst der chinesischen Teezeremonie einweist, was ungefähr eine Stunde dauert. Das Teehaus kann für Festlichkeiten gemietet werden, mehrere Hochzeiten wurden dort schon gefeiert.
Werde ich noch einmal hingehen? Ja, und zwar aus zwei Gründen. Ich war im Juni dort, d.h., im Spätfrühling/Frühsommer, alles war knackig grün und in Blüte. Wie der Garten wohl im Herbst aussieht? Sicher hat er auch im Winter seinen Reiz.