Detailed review by carmen
carmen
Colditz, Germany96%
Nach unserem Tauchurlaub auf Nabucco und Nunukan wollen wir den Aufenthalt in Indonesien noch nutzen, um uns die vielleicht letzten Orang Utans auf Borneo anzusehen. Denn wer weiß, wie lange es sie noch gibt. Man muss es einfach ausnutzen, dass man schon mal den weiten Weg in diesen Teil der Welt gemacht hat. Nach der Ankunft in Balikpapan - der Flieger hat uns diesmal pünktlich von Berau hierher gebracht - wird unsere Gruppe mit dem Kleinbus in die Samboja Lodge gefahren, die etwa 45 Minuten von Balikpapan
entfernt im Inland liegt. Die Lodge, also das Hotel, ist Teil der Borneo Orangutan Survival Foundation (BOS) und des Samboja Lestari Projekts, eines von zweien auf Borneo. Sie beschäftigen sich mit der Pflege, Rehabilitation und Auswilderung von Orang Utans,
die die indonesische Regierung beschlagnahmt. Eigentlich hatten wir ganz romantische Vorstellungen: ein bisschen mit den Tieren kuscheln, spielen, Händchen halten. Es sollte ganz anders kommen. Doch der Reihe nach.
Zunächst einmal werden wir in die Eco Lodge gebracht, ein kleines Hotel mitten im Regenwald. Da es zu der Zeit kaum Gäste gibt, bekommen wir ein tolles, großes Zimmer mit 90-Grad-Blick auf den Dschungel vor unserer Terrasse. Max und Anja, zwei aus unserer Gruppe waren cleverer gewesen: sie hatten das Zimmer im Tower gebucht mit fast 180 Grad Fensterfront, da kann man im Whirlpool sitzen und über die Bäume hinweg ins Tal schauen. Da sind wir echt neidisch. Aber auch so kann man den Turm besteigen und auf der obersten Terrasse seinen Kaffee oder Tee genießen, dem Gebrüll der Affen und den Zikaden zuhören. Wir bekommen eine kurze Einweisung in die Örtlichkeiten und in die Verhaltensregeln: am Fuße des Hügels im Tal gibt es sieben bewaldete Inseln, die von Wassergräben umgeben sind. Nur eine davon, die Nummer 6, darf man frei umrunden und die Orangs beobachten. Kein Kontakt, keine Fütterung. Nun gut, wir sind zwar etwas irritiert, aber wir machen uns mal auf den Weg, Affen gucken. Die Insel Nummer 6 ist ungefähr ein Hektar groß und bewaldet. Am Rand stehen kleine, überdachte, hölzene Pilze, auf deren Plattformen das Futter für die Tiere abgelegt wird. Dorthin kommen sie zum Fressen. Ansonsten hängen sie in den Seilen, die zwischen den großen Bäumen gespannt sind, liegen in beidseitig offenen Tonnen, die ebenfalls über dem Wald aufgehängt wurden, oder turnen an aus alten Autoreifen gebastelten Netzen und anderen Vorrichtungen. Jetzt, am späten Nachmittag, bekommen wir kaum welche zu Gesicht,
zumindest nicht von Nahem, denn die Orangs machen gerade auf faul und halten scheinbar ihr Nickerchen. Wir umrunden die Insel, unterhalten uns kurz mit zwei jungen Frauen, die Bäume pflanzen und für die Setzlinge Dächer aus Palmwedeln bauen, und bestaunen exotische Pflanzen und seltsame Pfotenabdrücke, die in den Dschungel führen. Erst am Abend udn am nächsten Tag erfahren wir mehr über das Projekt.
Beim Abendessen sitzen wir mit den sogenannten Volonteers am Tisch und fragen sie natürlich gründlich aus. Jeder volljährige Erwachsene kann sich für ein Volontariat beim BOS Projekt Samboja Lestari bewerben. Dann muss man erst einmal 10 Tage in Quarantäne, ehe man in die Nähe der Orangs gelassen wird. Was übrigens auch die einzige Möglichkeit ist, mit ihnen überhaupt in Berührung zu kommen. Normale Besucher haben immer den Wassergraben zwischen sich und den Affen. Die Arbeit für die freiwilligen Helfer besteht aus vielfältigen Tätigkeiten: Hilfe in der Anlage der Malaienbären, Futter vorbereiten, Pflege der Anlage, Bäume
und Sträucher pflanzen oder Beschäftigungsmaterial für die Affen und Bären herstellen. Nach der Quarantäne dürfen sie auch in der Orang Station mitarbeiten. Wir hören von sehr rührenden und lustigen, aber auch von traurigen Momenten, denn nicht jedes der Tiere überlebt hier. Wir sind wirklich beeindruckt, denn alle sechs der zu der Zeit anwesenden Volontäre sind sehr jung und haben viel Geld bezahlt, um hier arbeiten zu dürfen. Davon fließt zwar 60% in die Station, aber man muss das Geld ja auch erstmal aufbringen. Und die Arbeit ist nicht gerade einfach, zumal Hitze, Feuchtigkeit und Mücken für erschwerte Bedingungen
sorgen - auf jeden Fall für einen normalen Mitteleuropäer.
Am nächsten Tag führt uns ein Ranger in Rahmen der Tour durch die Anlage. Erneut umrunden wir Insel Nummer sechs, aber diesmal erfahren wir mehr über die Natur von Orang Utans. Sie sind eigentlich Einzelgänger, legen am Tag ungefähr 3 Kilometer Strecke durch den Wald zurück, ernähren sich hauptsächlich von Früchten und bauen sich jeden Abend ein neues Nest. Deshalb müssen die Inseln auch ständig wieder aufgeforstet werden, denn die Bäume leiden erheblich unter der Behandlung durch die tierischen Bewohner. In dieser Wiedereingliederungsstati on leben etwa 200 Orang Utans, viele davon können garnicht wieder ausgewildert werden, da sie an Tuberkulose und - fast unglaublich - an Hepatitis B erkrankt sind. In der Regel sind das konfiszierte Tiere, die in indonesischen Haushalten als Statusobjekt gehalten wurden. Für sie werden diese Inseln angelegt. Hier können wir dann auch eine Fütterung erleben. Um den Kontakt mit den Affen so gering wie möglich zu halten, legen die Pfleger das Futter meist nur an den Stationen ab. Und schon finden sich die 10 Orangs von Insel 6 ein und versuchen, die besten Stücke zu ergattern. Die Gruppe besteht aus 7 erwachsenen und drei jüngeren Tieren, und selbstverständlich geht es ein wenig haarig zu. Ein kräftiges Weibchen mopst sich, was sie tragen kann und verschwindet. Die anderen machen sich über den Rest her und halten ihre Mahlzeit gleich vor Ort. Das ist dann für uns eine schöne Gelegenheit, sie etwas ausgiebiger zu beobachten. Obwohl sie keine Familie sind, ist ihr Verhalten recht sozial, es gibt keine Kämpfe, so als ob sie wüssten, dass genug Futter für alle da ist. Als ich später noch einmal mit der Kamera die Runde mache, turnt einer jungen Affen mit einem Jutesack fast eine ganze Stunde selbstvergessen auf dem inzwischen leer gefegten Futterplatz herum. Rein in den Sack, raus aus dem Sack, übergestülpt - dann sieht er aus, wie ein Sack auf dünnen Beinchen. Er ist eben noch ein Kind.
Unsere Tour führt uns weiter zur Anlage der Malaienbären, die auf Borneo ebenfalls stark gefährdet sind. Zum einen wird ihr Lebensraum Regenwald durch Rodungen für Landwirtschaft und Kohleförderung ständig verringert, zum anderen werden sie gejagt, zum Teil als Haustiere gehalten und später geschlachtet, weil ihren Körperteilen heilende Kräfte zugeschrieben werden. Hier können wir die schönen Tiere mit den gefährlich langen Krallen beim Spielen und Baden beobachten. Die meisten schlafen. Einer versucht vergeblich, eine Kokosnuss zu öffnen, indem er sie sich immer auf den Kopf wirft. Anschließend besuchen wir noch das Forschungszentrum der BOS Foundation, das etwa einen Kilometer auf einem Hügel erbaut wurde, und besteigen den Beobachtungsturm, von dem man eine fantastische Aussicht auf das 2000 Hektar große Gelände des Samboja Lestari Projekts. Unvorstellbar, dass dieses riesige Gebiet bis vor gut 15 Jahren noch ödes Grasland war. Heute, nach der Aufforstung mit über 700 einheimischen Pflanzenarten, ist es ein Regenwald mit Bäumen, die schon über den Turm der Samboja Lodge ragen. Aber wir sehen auch die Abraumgebiete der Kohleförderung am Rand des Waldes. Da treffen mal wieder wirtschaftliche Interessen und die Interessen von Naturschützern aufeinander. Und es ist nicht klar, wer gewinnt. Ich bin natürlich eindeutig auf der Seite der Orang Utans und der Malaienbären und der anderen Tierarten, die hier eine Heimat finden.
Samboja Lestari Tour10
Ratings
-
Accessibility
-
"Must See"-Factor